Rassismus-Vorwurf Der Fall des Star-Trainers

Foto: IMAGO / Mark Jacobs
Foto: IMAGO / Mark Jacobs

Wegen vermeintlich rassistischer Äußerungen will der türkische Topclub Galatasaray José Mourinho anzeigen. Doch das ist längst nicht das einzige Zeichen, dass es mit seiner Karriere steil bergab geht.

Der „Special One“ – das war einmal. Mit der schillernden und erfolgreichen Karriere des Star-Trainers José Mourinho geht es auch in der Türkei gerade immer weiter bergab.

Nach dem Istanbuler Derby zwischen Meister Galatasaray und Mourinhos neuem Club Fenerbahce (0:0) kündigte der Gegner am Montagabend an, den 62-jährigen Portugiesen wegen Rassismus beim Weltverband FIFA und bei der Europäischen Fußball-Union UEFA anzuzeigen. Mourinho hatte Trainern und Ersatzspielern des Gegners vorgeworfen, nach einer strittigen Szene „wie Affen“ am Spielfeldrand herumgesprungen zu sein.

Was neben diesem schwerwiegenden und von Fenerbahces Clubführung auch umgehend zurückgewiesenen Vorwurf beinahe unterging: Galatasarays Chefcoach Okan Buruk verhöhnte Mourinho bei der Pressekonferenz nach dem Spiel als „The Crying One“ (Der Weinende): „Er weint auf dem Spielfeld. Er weint draußen. Und als ob das noch nicht genug wäre, geht er auch noch in die Schiedsrichter-Kabine und weint auch dort. Lasst ihn weiter weinen …“

Mourinho als Provokateur

Die schweren Vorwürfe gegen Mourinho und der Umgang der beiden größten türkischen Clubs miteinander lässt erahnen: Diese Eskalation vom Montagabend hat eine lange Vorgeschichte.

Fünfmal in den vergangenen zehn Jahren gewann Galatasaray die türkische Meisterschaft. Der letzte Süper-Lig-Titel von Fenerbahce ist dagegen schon elf Jahre her. Um diese Dominanz des großen Rivalen endlich zu durchbrechen, engagierte der Club aus dem asiatischen Teil Istanbuls vor dieser Saison den hochdekorierten Mourinho. Immerhin Champions-League-Sieger mit dem FC Porto und Inter Mailand sowie nationaler Meister mit dem FC Chelsea, Inter und Real Madrid.

Doch sportlich läuft es nicht so wie gewünscht. „Gala“ liegt in der Tabelle weiter sechs Punkte vor „Fener“. Also macht Mourinho bereits seit Monaten das, was in den vergangenen Jahren schon viele in England und Italien immer mehr nervte: Er verlagert die Auseinandersetzung vom Spielfeld in die Medien – mit ständiger Kritik an den Schiedsrichtern. Mit dem Vorwurf der Bevorzugung von Galatasaray. Mit strittigen Szenen aus den Spielen des Rivalen, die er hinterher in den sozialen Netzwerken teilt.

Eine Folge davon ist, dass das Istanbuler Derby im Stadion von Galatasaray diesmal von einem Top-Schiedsrichter aus dem Ausland geleitet wurde. Und als Mourinho hinterher den erfahrenen WM-, EM- und Champions-League-Referee Slavko Vincic aus Slowenien lobte, fiel auch das umstrittene Affen-Zitat.

„Nach der Schwalbe in der ersten Minute und deren Bank, die wie Affen herumgesprungen ist: Mit einem türkischen Schiedsrichter hättest du eine Gelbe Karte nach einer Minute gehabt und nach fünf Minuten“ hätte er einen seiner Spieler auswechseln müssen, sagte Mourinho. Dabei machte er die rudernden Armbewegungen nach, mit denen sein Kollege Okan Buruk in der fraglichen Szene am Spielfeldrand protestiert hatte.

Mourinho als Populist

Die Vereinsführung von Galatasaray reagierte darauf noch am selben Abend. „Seit Beginn seiner Tätigkeit in der Türkei hat Fenerbahçe-Trainer José Mourinho immer wieder abfällige Äußerungen gegenüber dem türkischen Volk abgegeben“, heißt es in dem Statement des Clubs. „Heute hat sich sein Diskurs über bloße unmoralische Kommentare hinaus zu einer eindeutig unmenschlichen Rhetorik entwickelt.“ Das seien „rassistische Äußerungen“. Deshalb die „offiziellen Beschwerden bei der UEFA und der FIFA“.

Doch unabhängig vom Ausgang dieses Verfahrens zeigt sich auch: Es ist immer weniger der Fußballlehrer Mourinho, der noch für Aufsehen sorgt. Sondern vor allem der Provokateur, „der begnadetste Populist des Weltfußballs“, wie der „Spiegel“ ihn nennt.

Taktisch hat der erfolgreichste Trainer der 2000er-Jahre längst den Anschluss an alte Rivalen wie Pep Guardiola (Manchester City), Carlo Ancelotti (Real Madrid) oder Simone Inzaghi (Inter Mailand) verloren. Der Volkstribun Mourinho spielt mit den Emotionen der Fanmassen, der Trainer Mourinho lässt nur noch destruktiven Zerstörungsfußball spielen: Das ist das Muster der vergangenen Jahre. Ein Europa-League-Sieg mit Manchester United (2017), der Conference-League-Erfolg mit AS Rom (2022): Mehr sprang dabei zuletzt nicht mehr heraus.

In Rom wurde Mourinho vor einem Jahr auf Platz neun der Tabelle entlassen. Für sein Team war das eine derartige Befreiung, dass es daraufhin 12 der folgenden 17 Spiele gewann. „The Special One“, so wie bei seiner Vorstellung 2004 beim FC Chelsea: So nennt sich mittlerweile nicht einmal mehr Mourinho selbst. (David Joram, dpa)

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17 Kommentare
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  1. *gähn*

    Zieht sich…

  2. Tja den Jose hab ich noch 2004 mit Porto „Auf Schalke“ den Henkelpott gewinnen sehen… Da war er noch gut.
    2003 hatte er mit Porto die Europa League gewonnen.

    Ab heute dann aller Fokus aufs nächste Tobbspiel (wie der Loddar so schön sagen würde).

  3. Sehr schöne Erinnerung.
    Mich hat heute morgen im Stau auch eine getroffen: „the young ones“ (von Cliff Richard).
    Für mich war dieses anfängliche Gitarren-Gedudel immer mit dem Waldstation (also dem alten) verbunden, kultig irgendwann (lange bevor es „Die Hesse komme“ gab).

  4. bin beim rumzappen im Stau tatsächlich auf SWR4 hängen geblieben … ;-)

  5. Bitte (noch) meine Frage unter dem maintracht Beitrag lesen. Hier sind doch die Vollexperten…

  6. The Crying One. Der Flennende.

  7. ZITAT:
    „The Crying One. Der Flennende.“

    War das nicht 2003 der Klopp??

  8. Ein Jahr später haben wir wieder geheult.

  9. @12: Ich hab‘ in Hamburg nicht geheult. Der Abstieg war verdient. …und es hat ja auch nicht lange bis zum Wiederaufstieg gedauert.

  10. ZITAT:
    „Bitte (noch) meine Frage unter dem maintracht Beitrag lesen. Hier sind doch die Vollexperten…“

    Du hast eine Antwort.

  11. Schade ich wollte es gerade rein schreiben.

  12. @14
    Hab‘ mal geguckt:
    Jochen Kientz war von 91 – 94 bei der Eintracht. Das Mitsubishi-Trikot gab es aber erst ab 96.

  13. ZITAT:
    „@12: Ich hab‘ in Hamburg nicht geheult. Der Abstieg war verdient. …und es hat ja auch nicht lange bis zum Wiederaufstieg gedauert.“

    Einen Abstieg verdient meine Eintracht NIE. Ich hab in Hamburg Rotz und Wasser geflennt.

 

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